Unterschichten, Schriftlichkeit und Sprachgeschichte. Eine interdisziplinäre Bilanz

Internationales Symposium an der Christian-Albrechts-Universtität zu Kiel

6. und 7. November 2014

Audimax: Hörsaal K

Schreiben ist eine prestigehaltige Kulturtechnik, deren Beherrschung in der Regel jahrelange Übung erfordert und deren Produkte oft als modellhafte Texte einer historischen Sprache angesehen werden. Die Aneignung und die Ausübung dieser Technik war bis ins Mittelalter wenigen Spezialisten vorbehalten, und auch danach war es lange eine fast verschwindend kleine, elitäre Schicht, die schriftlich zu kommunizieren pflegte. Die Sprachgeschichten beruhen daher vorwiegend auf den schriflichen Aufzeichnungen einer schreibgeübten Elite. Die Unterschichten waren lange von der Schriftlichkeit ausgeschlossen.

Erst im 17. Jahrhundert kommen Lesehefte (Bekannt als Bibliothèque bleue in Frankreich, Literatura de Cordel in Spanien und Portugal, Chapbooks in England, Volksbücher oder Flugschriften in Deutschland, Skillingtryck in Schweden etc.) für breite Bevölkerungsschichten auf, über deren Rezeption jedoch wenig Klarheit herrscht. Aber auch der Zugang zu Schulen nimmt zu, so daß sich im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts die Lese- und Schreibfähigkeit auch auf die unteren Schichten ausbreitet, wobei deren Dokumente in der Historiographie der Sprachgeschichte der romanischen (und anderer) Sprachen jedoch bisher wenig wahrgenommen wurden. Die Forderung nach der Auffindung und nach der Beschäftigung mit Quellen, die von der Unterschicht selbst verfasst wurden, wurde zwar oft gestellt, aber –mit Ausnahme des Vulgärlateins– nur sehr vereinzelt eingelöst.

Auf der Tagung sollen die Projekte und Methoden vorgestellt und diskutiert werden, die die Lücke in der Historiographie der Sprachgeschichte – nämlich die Sprache der Unterschichten – zu füllen versuchen. Folgende Leitgedanken und Fragestellungen werden dabei behandelt:

  • Wie war die tatsächliche Alphabetisierungssituation in den Unterschichten in der Neuzeit?
  • Welche Verbindungen gibt es zwischen der Schriftlichkeit der oberen Schichten und der der unteren Schichten?
  • An welchen sprachlichen Modellen orientieren sich die Unterschichtenschreiber?
  • Gibt es eigenständige Entwicklungen in der Unterschicht, oder sind die sprachlichen Formen als unvollkommene Übernahmen aus der Oberschicht zu betrachten („gesunkenes Kulturgut“)?
  • Welche Auswirkungen hatte die Entwicklung der Medien (Vorhandensein und Verbreitung von Büchern, Papier, Postwesen)?
  • Welche Quellen für Schreiber aus der Unterschicht lassen sich finden?
  • Welche Editionstechniken sind für Unterschichtentexte sinnvoll (Prinzipien einer diplomatischen Transliteration, Methoden der digitalen Indexierung, xml-Editionen)?


Die Tagung ist interdiziplinär angelegt, da diese Fragen nur in Zusammenarbeit zwischen Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Linguistik beantwortet werden können. Daneben ist es uns auch ein Anliegen, die romanistische Tradition des sprachübergreifenden Vergleichs zu pflegen, indem wir uns mit den Entwicklungen in mehreren romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch) und deren Kontaktsprachen sowie im Deutschen befassen.